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Warum ich das Wort „Nein“ im Pferdetraining vermeide

Gleich vorweg: Für einen sicheren Umgang und gute Kommunikation ist es wichtig, einem Pferd situativ auch klare Grenzen zu setzen und unerwünschtes oder gefährliches Verhalten zu korrigieren. Allerdings bringt uns da das „Nein“ (oder Stopp, lass das etc.)-Sagen meistens nicht weiter. Ein „Nein“ oder auch wortreiches Schimpfen zeigt dem Pferd unspezifisch, dass wir mit seinem Verhalten unzufrieden sind. Es weiß aber noch nicht, was es stattdessen tun sollte. In diesem Artikel geht es allerdings nicht nur darum, aus pädagogischen Gründen das Wort „Nein“ zu vermeiden, sondern die Lernsituation insgesamt so zu gestalten, dass wir es im Idealfall gar nicht brauchen.

1. Probleme analysieren und Ursachen beseitigen

Um mit unserem Pferd weniger Konflikte zu erleben, müssen wir die Ursachen für das problematische Verhalten herausfinden und soweit wie möglich beseitigen. Da wir das Pferd in die Trainingssituation bringen, sind wir auch verantwortlich für das meiste, was dort geschieht. 

  • Kann das Pferd körperlich und mental leisten, was wir von ihm erwarten, im Prinzip und speziell heute in dieser Einheit? Vielleicht ist es draußen stürmisch oder es gab Veränderungen in der Herde oder das Training am Vortag war sehr intensiv?
  • Haben wir die Aufgabe ausreichend kleinschrittig geübt und erarbeitet oder erwarten wir einfach, dass das Pferd schon weiß, was wir von ihm wollen?
  • Hat das Pferd Stress oder Angst in einer bestimmten Situation? Vielleicht auch durch frühere schlechte Erfahrungen?
  • Kann es sein, dass das Pferd versteckte Schmerzen hat und deshalb beißt, wenn der Sattel kommt, oder bockt, wenn es linksherum galoppieren soll? Spätestens seit der Arbeit von Sue Dyson* wissen wir, dass viele sogenannte „Unarten“ wie z. B. Bocken, Steigen oder Rennen auf unerkannte körperliche Ursachen zurückzuführen sind.
  • Hat das Pferd Hunger? Je nach Haltungsform hat das Pferd nicht ständig Zugang zu Raufutter und je nach Trainingszeit hat es vielleicht schon ein paar Stunden nichts gehabt. Das sollte auf jeden Fall vermieden werden, denn ein hungriges Pferd kann sich nicht konzentrieren, hat vermutlich schlechte Laune und die Gefahr von Magengeschwüren steigt immens.
  • Haben wir die Situation verändert? Pferde lernen situativ, verknüpfen also Handlungen auch mit Orten, Zeiten usw. Das Pferd kann also in einer neuen Situation nicht dasselbe Verhalten abrufen, das es unter anderen Umständen schon gemeistert hat, sondern muss die neue Konstellation durch Lernen zum Repertoire hinzufügen.

* Dr. Sue Dyson ist eine britische Tierärztin, die wissenschaftlich gesichert herausgearbeitet hat, dass viele als Rittigkeitsprobleme klassifizierte Verhaltensweisen des Pferdes tatsächlich Reaktionen auf Schmerzen sind. Sehr viele kostenlose Informationen sind auf dieser Seite zu bekommen https://www.24horsebehaviors.org/

1.1 Die feinen Signale des Pferdes brauchen Beachtung

Das Verhalten des Pferdes ist seine Kommunikation. Die meisten Pferde sind sehr fein in ihrer Ausdrucksweise und steigern ihre Ansagen, wenn darauf nicht reagiert wird. Hat unser Pferd beim Putzen schon mit Anspannung, Ohren anlegen und Nase kräuseln gezeigt, dass eine bestimmte Berührung ihm unangenehm ist und wir sind darüber weggegangen, ist Schnappen oder das Hinterbein heben die nächste Steigerung. Wenn wir das Pferd dann dafür beschimpfen oder bestrafen, haben wir zu spät reagiert und handeln nicht fair. Übrigens können Pferde in der Regel genau abschätzen, ob sie „nur“ in unsere Richtung schnappen oder treten (letzte Aufforderung, etwas zu lassen), oder ob sie uns wirklich treffen. Wenn wir vom Pferd erwarten, dass es mit uns höflich umgeht, sollten wir ebenfalls höflich sein und seine leisen Ausdrucksformen wahrnehmen.

1.2 Die eigene Hilfengebung sollte kritisch überprüft werden

Wie klar sind wir selbst in unserer Kommunikation? Stimmen unsere Körpersprache, unsere Atmung, unsere Stimmsignale und die weiteren Hilfen überein oder geben wir widersprüchliche Signale? Beim Longierunterricht erlebe ich es z. B. häufig, dass das Pferd mit Stimme und Gerte angetrieben wird, dabei aber die Körperposition des Longierenden dem Pferd den Weg abschneidet. Ein eher introvertiertes Pferd lässt sich dann nicht treiben und wirkt „faul“, ein extrovertiertes Pferd dreht sich um oder bockt oder schlägt aus. Für die Analyse hilft es, sich durch Unterricht oder Videoaufnahmen einen Blick von außen dazu zu holen.

2. Wie wir besser trainieren und ein „Nein“ vermeiden können

2.2 Der Fokus auf den Fehler behindert den Fortschritt

Wenn wir unser Pferd immer wieder darauf hinweisen, was uns nicht gefällt, fokussieren wir auf die Fehler und unsere Aufmerksamkeit wird abgelenkt von dem, was wir eigentlich erreichen wollen. Wir sind dann damit beschäftigt, ein unerwünschtes Verhalten unseres Pferdes zu unterbrechen, anstatt das gewünschte Verhalten zu ermöglichen oder herbeizuführen. Die Stimmung im Training wird schlechter, die Motivation bei beiden sinkt und vermutlich kommt Stress auf. Unter Stress lässt sich aber bekanntlich schlecht lernen, und beim Pferd kommt es dann möglicherweise noch zu zusätzlichen Stessreaktionen oder Übersprungshandlungen, wodurch eine Abwärtsspirale eingeleitet wird.

2.3 Ein guter Trainingsaufbau verstärkt erwünschtes Verhalten

Die Grundregel lauter, dass wir dem Pferd erwünschtes Verhalten einfach und unerwünschtes Verhalten schwierig machen sollten. Wir müssen dem Pferd gezielt beibringen, was wir von ihm möchten, auch vermeintlich einfache Routinehandlungen wie das ruhige Stehen am Anbinder oder das sich Führen lassen von beiden Seiten und aus verschiedenen Führpositionen. Der Lernweg muss kleinschrittig sein und das Pferd muss wissen, welches die richtige Option ist, indem wir diese markieren, z. B. durch Loben, positive Verstärkung oder Druck wegnehmen. Ich persönlich nutze je nach Situation jede dieser Methoden. Außerdem sind unser Timing und unsere Achtsamkeit immens wichtig. Wenn wir das Pferd gut im Blick haben, können wir oft schon frühzeitig erkennen, wenn etwas in die falsche Richtung geht und dann mit wenig Aufwand eingreifen.

2.4 Pferde brauchen von uns Klarheit und Konsequenz

Damit die Pferde uns und die Situation korrekt einschätzen können, ist es wichtig, dass wir uns eindeutig und konsequent verhalten. Wenn wir Regeln aufstellen, dann sollten diese ausnahmslos gelten, so dass das Pferd sich darauf verlassen kann und eine Orientierung hat. Ein gutes Beispiel ist das Grasen lassen an der Hand. Wenn ich nicht möchte, dass das Pferd zum Gras zieht, es aber hin und wieder zulasse, wird das Pferd es immer wieder versuchen. Aus der Lerntherorie weiß man, dass ein gelegentlicher, nicht vorhersehbarer Erfolg ein Verhalten sogar besonders wirksam verstärkt. In diesem Fall dann ein Verhalten, was wir gar nicht haben wollen. 

In dieser Situation wäre es besser, Signale dafür zu etablieren, wann das Pferd fressen darf und wann das Fressen vorbei ist und diese auch konsequent anzuwenden. Dann wird das Pferd zwar bei sehr leckerem Gras gelegentlich trotzdem nachfragen, aber nicht ernsthaft diskutieren, da es den Ablauf kennt. Übrigens ist es für das Pferd ganz natürlich, zu wandern und dabei nach Futter zu suchen. Im Grunde bewegen sich Pferde in der Natur vor allem deshalb, um Futter zu finden. Wenn wir es also gemeinsam hinbekommen, dass das Pferd nach unseren Wünschen „wandert“ und dann gelegentlich auch fressen darf, haben wir beide was davon. 

2.5 Wir brauchen einen konstruktiven Umgang mit Fehlern

Wir sollten einen konstruktiven Umgang mit Fehlern üben. Natürlich wird nicht immer alles klappen und das Pferd wird Verhalten zeigen, welches wir als falsch einordnen. Kleine Abweichungen auf dem Lernweg sind normal, auch gelegentliche Übersprungshandlungen oder ähnliches, wenn das Pferd aufgeregt ist. Oft ist es sinnvoll, solche Kleinigkeiten zu ignorieren und den Fokus auf den positiven Elementen zu lassen, um diese zu verstärken und die Lernsituation insgesamt entspannt zu halten. Allerdings sollten wir gefährliche oder schädliche Verhaltensweisen nicht lange laufen lassen, damit sich niemand verletzt und das Pferd nicht die falschen Bewegungsabläufe abspeichert: Gelernt wird, was passiert! Eine Korrektur sollte emotional möglichst neutral erfolgen und das Pferd dazu bringen, das richtige zu tun, anstatt nur das falsche zu lassen. Um beim Beispiel mit dem unerwünschten Fressen draußen zu bleiben: Nicht schimpfen und am Kopf rumziehen, sondern energisch treiben und vom Fleck kommen. Wenn das Pferd dann wieder am losen Strick mitgeht, kann man loben.

2.6 Eine vielseitige Ausbildung verhindert viele mögliche Konflikte

Wenn wir in unserer Menschenwelt Pferde halten und uns mit ihnen bewegen wollen, müssen wir Regeln und Routinen einführen und durchsetzen, welche für die Sicherheit von Mensch und Pferd sorgen und für alle Beteiligten Orientierung bieten. Wir machen es uns und den Pferden leichter, wenn wir die Pferde sorgfältig und kleinschrittig auf alle möglichen Situationen vorbereiten und vielseitig ausbilden, damit es so selten wie möglich zu Überforderungssituationen, Stress und problematischen Verhaltensweisen kommt. Auch die Hufbearbeiter, Tierärzte usw. freuen sich über gut vorbereitete Pferde, die entspannt ruhig stehen und mitmachen, Stichwort „Medical Training“. Ein „braves“ = entspanntes, zuverlässiges, interessiertes und motiviertes Pferd bekommt man nicht geschenkt, das darf man sich erarbeiten.

2.7. Humor hilft!

Eigentlich sind wir mit Pferden zusammen, weil wir sie lieben und faszinierend finden. Als Kind haben wir wahrscheinlich alle davon geträumt, mit unserem Pferd tolle Abenteuer und Spaß zu erleben und eine innige Beziehung zu ihm zu haben. Im Alltag geht uns allerdings die Leichtigkeit häufig verloren - rund ums Pferd gibt es so viel mehr zu bedenken und zu leisten, als wir uns je vorstellen konnten. Und je mehr wir über Haltung, Gesundheit und Training wissen, desto größer werden gefühlt auch unsere Aufgaben und unsere Verantwortung. Aber gerade beim Training und in der Ausbildung von Pferden hilft es sehr, sich wieder auf einen spielerischen und freudvollen Umgang zurückzubesinnen und nicht alles so ernst und vor allem so persönlich zu nehmen. Sowohl die Pferde als auch wir sind dann deutlich motivierter, und Meinungsunterschiede verlieren an Gewicht, wenn man über bestimmte Verhaltensweisen seines Pferdes einfach mal lachen kann. Die Wissenschaft kann nicht so genau erfassen, ob Pferde Humor haben, aber in der Praxis begegnen mir immer wieder spielerische Verhaltensweisen, die ich persönlich zumindest so interpretiere.

Fazit: Wenn wir mit Plan und Spaß zusammen mit unseren Pferden immer besser werden und das gemeinsame Lernen als einen spannenden Weg betrachten, sollten und können wir in den meisten Fällen auf ein „Nein“ verzichten.

Mehr über mich und meine Arbeit erfährst du auf meiner Über mich-Seite. Falls ich dein Interesse geweckt habe und du gerne mit mir zusammen arbeiten möchtest, findest du mehr Informationen auf den Seiten zu Training. Du erreichst mich auf verschiedenen Kanälen über meine Kontaktseite.